Der Marktplatz und der Küchentisch

Ein Like ist ein öffentlicher Akt — eine Antwortmail nicht. Warum die beste Interaktion nicht im Feed passiert, sondern im Posteingang.

Der Marktplatz und der Küchentisch

Auf Social Media misst Du Interaktion in Zahlen. Likes. Kommentare. Shares. Je mehr, desto besser — so das Versprechen.

Und dann schreibt jemand „Toll!" unter Deinen Post.

Und Du weißt genau: Das war nicht wirklich für Dich. Das war fürs Publikum.

Ich lese gerade „Hyperreaktiv" von Annekathrin Kohout, und ein Gedanke daraus hat mir das erst richtig klar gemacht: Ein Like ist kein privates „gefällt mir". Es ist ein öffentlicher Akt. Man liked nicht, weil einem etwas gefällt — sondern weil das Liken gesehen wird. Mit allem, was daran hängt: Zugehörigkeit zeigen, Position beziehen, dazugehören wollen. Die Geste zählt, nicht das Gefühl dahinter.

Und wer weiß, dass jeder mitliest, verhält sich anders. Man performt ein bisschen. Hält sich zurück. Oder wird laut — weil laut sich im Feed lohnt.

Ein Kommentar ist deshalb selten ein Gespräch mit Dir. Er ist ein kleiner Auftritt vor allen anderen.

Jetzt die Newsletter-Antwort.

Jemand liest Deine Mail, allein, morgens, Kaffee daneben. Und drückt auf „Antworten". Was dann kommt, landet in einem Posteingang. Deinem. Kein Publikum, kein Zählwerk, niemand, der mitliest.

Und weißt Du was? Genau deshalb schreiben die Leute völlig andere Dinge.

Wer sich hinsetzt und eine Mail tippt, hat wirklich etwas zu sagen. Die Hürde ist höher als bei einem schnellen Kommentar — und genau das filtert. Wer antwortet, meint es. Und weil es privat ist, traut er/sie sich auch.

Bei „Leben & Schreiben" — dem Newsletter, den ich mit meiner Kollegin Sonja für den Schreibzirkel Frankfurt schreibe — passiert regelmäßig etwas, das mich jedes Mal berührt: Leute antworten und schicken uns ihre eigenen Texte mit. Einfach so. Weil ein Impuls von uns bei ihnen etwas ausgelöst hat und sie uns zeigen wollen, was daraus geworden ist.

Das postet niemand in eine Kommentarspalte. Niemand hängt seinen verletzlichen ersten Entwurf öffentlich unter einen Beitrag. Aber in eine Antwortmail, an einen Menschen, von dem man spürt, dass er wirklich liest — da trauen sie sich.

Und manchmal steht da auch nur ein Danke. Aber es ist ein anderes Danke als ein Daumen-hoch im Feed. Weil sich jemand hingesetzt und es getippt hat. Für uns zu sehen, dass unsere Arbeit bei jemandem etwas verändert — dafür gibt es im Feed keine Kennzahl.

Und genau das ist der Punkt.

Social Media gibt Dir Reichweite. Der Newsletter gibt Dir Nähe. Das eine ist ein Marktplatz, das andere ein Küchentisch.

Wie kriegst Du das hin? Nicht mit „Antworte mir gern!" am Ende jeder Mail — das klingt nach Aufforderung und wirkt wie eine leere Kommentarspalte. Sondern indem Du echte Fragen stellst. Nicht „Was denkst Du?", sondern etwas, worauf Du selbst eine Antwort hören willst. Und indem Du dann tatsächlich zurückschreibst. Persönlich. Von Mensch zu Mensch — das dürfen bei einer kleinen Liste ruhig auch mal zehn Minuten pro Antwort sein.

Ja, das skaliert nicht. Ist mir klar.

Aber wir wollen hier auch nicht skalieren. Wir wollen gesehen werden — und sehen.

Take-Away:

Die beste Interaktion passiert nicht im Feed. Sie passiert im Posteingang.